Zeitlose Klassiker

Viele Dinge verlieren gemeinhin ihren Zauber, wenn sie erst einmal ein wenig in die Jahre gekommen sind. So wirkt beispielsweise die Grafik altbacken, die Story klischeehaft oder das Gameplay träge. Oder man hat einen Buckel bekommen, das Graue in der Haarpracht hat die Oberhand gewonnen und das Rückenausgleichsgewicht muss mittlerweile etwas größer dimensioniert werden. Dann gibt es wiederum Exemplare, an denen der Zahn der Zeit nicht zu nagen scheint. So wie Diablo 2. Oder der Auftritt unserer Alte Herren Mannschaft zum Weinfest Nenzenheim #ZeitloseKlassiker.
 
In zehn Jahren wird die vierzehnte Auflage des nimmermüden Evergreens zwischen den AHs der SGay und den Oldies des TSV 1890 Markt Nordheim die zahlreichen Zuschauermassen immer noch nach Nenzenheim locken. Die Schaulustigen reisen allerdings nicht unbedingt an, um den Kampf der Titanen auf dem grünen Rechteck zu bewundern, sondern viel mehr, um sich noch die guten verbliebenen Plätze im Weinfestzelt zu sichern #JedemDasSeine.
Dabei gibt es unter der Freiluftatmosphäre so viel mehr zu bewundern. Vereinslegenden, die seit rund 50 Jahren für ihren Verein spielen und die Torjägerrangliste mit 12.093 Toren anführen. Auch als inzwischen fast 120-jährige sind sie nicht vom Feld zu bekommen. Kann man den Alterungsprozess eigentlich mit Alpecin aufhalten, haben wir Dr. Klenk gefragt. „In der Tat! Das Koffein trägt dazu bei aus jedem Menschen einen Peter Shilton zu machen!“
Und wenn sich doch einmal ein junger Hüpfer in den elitären Kreis verläuft, weil er gerade von einer größeren Verletzung zurückkommt, sowieso langsam kürzer treten möchte, oder er denkt, er kann bei den AH den inneren Zidane mal so richtig raushängen lassen. Dann wird er im Zweikampf gerne öfter gesandwicht als Gina Wild in ihrer Glanzzeit. In einer Horde voller Fiat Panda ist schließlich kein Platz für einen 1000 PS starken Supersportwagen.
 
Traditionell wird der Anstoß von der amtierenden Weinprinzessin durchgeführt. Und ein einziger Ballkontakt der Traubensaftrepräsentantin genügte. Man musste sie schnell wieder vom Feld holen, denn die konnte ja weiter schießen als unsere Senioren stoppen können. Also schießen können. Also, ihr wisst schon, ist ja praktisch das Gleiche.
Torschussübungen gab es in der ersten Hälfte zuhauf für die Weinparadiessenioren. Aber irgendwie schien es, als hätte die Bauinnung Nürnberg das Tor zugemörtelt. Und dann zeigte Nordheims Schlussmann Paraden, wie sie Kim Jong Un nicht besser hätte abhalten können. Teilweise stolperte man aber auch übereinander wie zwei Büroangestellte, die sich am Kölner Karneval ein Kamelkostüm teilen. Es brauchte schon einen Zauberfreistoß von Markus Wolf, um die mehr als verdiente Eins auf die Anzeigetafel zu bekommen. Drückend überlegen (nicht nur gewichtstechnisch) und klar die besseren Chancen. Aber doch mit 1:3 zur Pause im Hintertreffen. Herrlich ins Gesamtbild passend der dritte Treffer der Gäste, als der Ball schon fast geklärt war, aber dann doch das Schienbein das Angreifers angeschossen wurde. Und das Leder von da per Möbiusschleife gegen die Gesetze der Schwerkraft im Winkel landete #KacktorDesJahrzents.
 
Halbzeit. Während die einen wie Lemminge auf LSD darüber diskutieren, wie sie durch Taktikanpassung, fluide Positionswechsel und Anpassung der Abstände untereinander doch noch zum alljährlichen Weinfestsieg kommen, bereiten sich die anderen mit Schoppen, Schorle und Pils schon einmal auf die anstehende dezente Eskalation vor. Je länger die Partie andauerte, desto mehr glichen die Angriffsbemühungen der SGAH als wollten sie einen Airbus auf einem Schlauchboot zur Landung bringen. Außer beim Anschlusstreffer von Matthias Schultheiß gab es gegen die TSV-Defensive kein Durchkommen. Die gealterten mittelfränkischen Hintermänner wirkten sowieso als hätten sie keinen Puls mehr. Spulten ihr Programm mit einer Seelenruhe ab, die wir sonst nur vom VHS-Seminar „Häkeltipps für Fortgeschrittene (Ü70)“ kennen.
 
Erstmals in der jüngeren Vergangenheit hat man ein Weinfestspiel nicht als Sieger verlassen. Eigentlich auch egal. Darum geht es schließlich nicht. Hauptsache man hat einen Grund zu feiern. Als gäbe es kein Morgen. Und keine Altersfürsorge (das Geld kann man in etwas mit mehr Prozenten investieren). Und keine Hausratsversicherung. Und kein Spießerdasein. Einmal die Blockade im kleinkarierten Hirn lösen, sich so fühlen als hätte man Champions League gespielt und so feiern als hätte man diese auch gewonnen. Breit wie ein Bus Russen und voll wie Onkel Heinz auf der letzten Familenfeier Arm in Arm bei geistiger Umnachtung gemeinsam aus dem Zelt schwanken. Darauf kommt es doch an. Es sind ja bekanntlich die kleinen Dinge die ein Weinfest lebenswert machen.
 
Nächstes Jahr das selbe Spiel. Dann mit passender Einlaufmusik, live vorgetragen vom SGay-Mannergesangsverein „Hohle Lunge“ #WirSindDieBeeeeestääääähn. Und mit ein bisschen Schusstraining von der Weinprinzessin klappt das mit dem Tore schießen auch wieder besser.
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